… oder: Die Magie der Wüste

Im ersten Bericht zur Entwicklung meines Entdeckergeistes habe ich Dir unter „Wie alles begann“ von meiner minutiös durchgeplanten Marokkoreise berichtet. Definitiv hat diese Fahrt uns neugierig gemacht. Neugierig auf mehr, mehr Sand, mehr Wüste, mehr Off-Road, mehr Unerdecktes. Zwangsläufig stiegen wir ein in die Planung einer richtigen Saharareise. Unser Ziel war es tiefer einzudringen, die größte Wüste unseres Planeten zu durchqueren um zu schauen …

… was kommt hinter dem Horizont der Dünenmeere, sandverwehter Berge und steiniger Hochplateaus ?

Wieder brachte uns eine Fähre über das Mittelmeer, aus den Häfen von Genua oder Marseille landeten wir entweder in Tunis oder Algier an.
Mittelmeer Fähre Liberte Marseille - Algier
Mittelmeer Fähre Vorfreude auf die Sahara
Auf der Fähre übers Mittelmeer
Meistens machten wir schon im Fährhafen die Bekanntschaft mit anderen Reisenden und immer stieg mit jedem Wellenschlag die Vorfreude auf ein neues Abenteuer.
Erste Kontakte im Fährhafen

Zuvor kamen aber die zeitintensiven Vorbereitungen zu solchen Unterfangen

Wie haben wir uns damals Informationen beschafft?

Es gab zur Recherche kein Internet, kein Facebook, Instagram oder YouTube. Wir waren in Clubs organisiert, dem Landrover Club, der DZG (Deutsche Zentrale für Globetrotter) oder Mitglieder der Deutsch-Arabischen Gesellschaft. Besonders deren Empfehlungsschreiben in arabisch sollte so manche behördlich brenzlige Situation entschärfen.

Außerdem gab es fast keine Reiseführer, Erfahrungen anderer Reisenden, auch solcher die schon Jahrzehnte zurück lagen, konnte man nur in einschlägigen Büchern finden. Wichtig war die „Bibel“ der Afrikafahrer, das Buch „Durch Afrika“ von Klaus und Erika Därr, sowie deren Ratgeber für Saharareisen, „Transsahara“, damals bereits seit einigen Jahren auf dem Markt. Zur Vorbereitung auf die Gebiete der Sahelzone und deren Menschen in Mali und Niger übersetzten wir amateurhaft für uns Bildbände und wissenschaftliche Publikationen vom Französischen ins Deutsche. Aber jedwede Information aus einem Buch ist schon alt wenn es gedruckt wird, trotzdem waren die Informationen in ihnen außerordentlich hilfreich und so viel ändert sich nicht in den Weiten der Sahara.

Kartenmaterial war ein anderer Aspekt der Reiseplanung

Legendär ist die Michelin Nr 953, Afrique Nord et Ouest, die man zerfleddert hinter fast jeder Windschutzscheibe der Wüstenfahrer fand. Im Maßstab 1:4000000, wo 1 cm auf der Karte einer Strecke von 40 km entsprach, war sie zwar nicht mit der heutigen genauen Navigation über GPS bald auf den Zentimeter genau zu vergleichen, aber sie bot eine gute und vor allem zuverlässige Übersicht über die Streckenführungen  in der Wüste. Dazu verwendeten wir handgezeichnete Skizzen anderer Reisender, sowie Fotokopien topografisch genauer russischer Generalstabskarten aus der Zeit nach dem 2. Weltkrieg, weitergegeben oft unter dem Ladentisch. Wir machten uns vertraut mit dem sicheren Gebrauch eines Kompasses, oftmals der einzige richtungsweisende Anhaltspunkt auf kilometerbreiten Spuren über endlos weite Ebenen ohne nennenswerte Landmarken.

Ebenso fanden wir Menschen, die so eine Reise oder Expedition schon durchgeführt hatten, wir lasen uns nächtelang durch einschlägige Bücher und studierten penibel alles verfügbare Kartenmaterial.

Doch auch der Landrover, unser „Landy“ sollte vorbereitet und aufgerüstet werden

Sandbleche, jene starken gelochten Aluminiumbleche, auch Luftlandebleche genannt, da mit ihnen in unwegsamen Gelände Landebahnen für Flugzeuge oder Strassen für schwere Fahrzeuge gelegt werden konnten, waren als Bergegerät für den weichen Saharasand unerlässlich. Es lag natürlich immer am Beifahrer, diese dann nach einer Bergung wieder zurück zum Fahrzeug auf sicherem Grund zu schleppen.

Ein extra Luftfilter (Zyklonfilter) zum Schutz des Motors vor eindringendem Saharastaub wurde angebaut, Zusatztanks für Diesel und die riesigen Strecken ohne Kraftstoffversorgung wurden in den bis dato leeren Räumen der kantigen Kotflügel des Landys installiert. Zusätzlich kamen eine ganze Reihe von Kanistern auf’s Dach. Der Vorteil von Diesel ist, daß man ihn unbedenklich in Plastik-Kanistern transportieren kann und waren die Vorräte verbraucht, spielten die leeren Kanister nicht mehr so eine große Rolle in Bezug auf das Fahrzeuggewicht. Denn auch das lernten wir schnell, Bodenbelastung per Quadratzentimeter, die Auflagefläche nur noch veränderbar durch das Luftablassen aus den strapazierfähigen Geländereifen, diese Geheimformel war oft der Lebensretter aus tiefen Weichsandstrecken. 

Genauso wichtig war die jahreszeitliche Planung der Reisen

Der Sommer war auf Grund der hohen Temperaturen in der Wüste tabu, so strickten wir oft 2 Jahresurlaube zusammen, einschließlich der Feiertage an Weihnachten oder vorzugsweise Ostern, da war es Nachts nicht ganz so eisig kalt in der Sahara, um möglichst lange Zeit für unsere Expeditionen zur Verfügung zu haben. 2-3 Monate konnten wir so an einem Stück reisen und dies war ein weiterer Schritt hin zur Thematik:

Wie lange braucht man um eine Saharadurchquerung und Westafrikarunde sinnvoll durchzuführen ?

Die Teilzeitnomaden erschienen auf der Bildfläche, keine 2-4 Wochen Urlaube, nein 6-12 Wochen dauernde Expeditionen entstanden daraus. Ihr seht, die Entwicklung zur Vollzeitnomadin fand in Teilschritten statt, war kein plötzliches „Aussteigen“ sondern eher eine angepasste Notwendigkeit an die Unternehmungen, die wir vor hatten.

Neben vielen anderen Vorbereitungen, wie die Beschaffung der notwendigen Visa im Vorfeld stand auch noch ein anderer Sicherheitsaspekt im Raum. Wir wollten solche Wüstendurchquerungen nicht alleine angehen, also bemühten wir uns um die Gesellschaft anderer Abenteurer, die ähnliches vorhatten wie wir. Allerdings planten wir nur unsere erste große Saharadurchquerung komplett mit einem 2. Fahrzeug und dessen Besatzung. Auch ein Landrover wie unserer, gleichrangige Fahrzeuge sind immer eine gute Ausgangsbasis. 

Wir lernten so viel auf diesen Reisen, von zwischenmenschlichen Reibereien zusammengewürfelter Angst- und Zwangsgemeinschaften bis hin zur völligen Harmonie mit Kurzzeitbegleitern auf Teilstrecken, von verrückten Konstellationen, wie VW-Bus oder Ente (2CV) ohne Allrad bis zum hochaufgerüsteten Unimog mit unendlicher Bodenfreiheit und Geländegängigkeit. Die größte Freude war es immer unterwegs Gleichgesinnte zu treffen, die mit ähnlichen Motiven wie wir aufgebrochen waren um die weiten Wüsten zu erobern.

Auch hielt man natürlich an, wenn man ein Fahrzeug am Horizont erspähte. So wurde aus einem kurzen Plausch an Pistenrand oft eine Nacht am gemeinsamen Lagerfeuer.

Total witzig wäre es jetzt, wenn sich nach so vielen Jahren jemand auf meiner Seite wieder erkennen würde. Gerne kannst Du meinen Beitrag teilen. Vielleicht findet sich ja ein ehemaliger Reisegefährte.

Uns trieb auf jeden Fall die Neugierde

Was liegt hinter der nächsten Düne, dem nächsten Berg oder am Rand eines bizarren Hochplateaus ?

!982, 1983 und 1984 waren wir in der Sahara und sogar bis zur Atlantikküste Westafrikas unterwegs. Es gibt viele kleine Anekdoten dieser Reisen von der Todesangst bis hin zu wohligen Glücksmomenten in den heißen Quellen inmitten einer kargen Landschaft. Aber diese würden den Rahmen dieses Artikels sprengen und ich hebe sie auf für meine Travelosophies, die ja auch mit Leben gefüllt werden wollen.

Sei also geduldig und bleib mir gewogen, ich lasse Dich gerne teilhaben an meiner Entwicklung und nehme Dich mit in meine Welt und immer dran denken …

Die Welt wartet auf Dich, komm mit und lass Dich inspirieren!

Hier noch ein paar fotografische Impressionen aus diesen Reisen und darunter wieder ein „Toggle“ mit Fotos und kleinen Geschichten zum Aufklappen für die ganz Unersättlichen.

Wegpunkte der Wüste

Viele Pisten durch die weiten Stein- oder Sandebenen der Sahara sind kilometerbreit ausgefahren. LKWs, vor allem Schmuggler suchen sich am Rande der ausgefahreren Spuren einen neuen, besseren Weg und so fransen die Spurenbündel teilweise bis zu 200 km Breite aus. Schnell kann man einen Wegpunkt verpassen.

 

Landrover an einer Pistenmarkierung in Algerien

Landrover an einer Pistenmarkierung in Algerien

Orientierung ist alles

In der Weite der Sahara gibt es wenig Anhaltspunkte zur Orientierung. Berge oder hohe Sanddünen verschwinden in Fata Morganas (Luftspiegelungen) in der gleißenden Hitze des Tages. Oft waren die Orientierungspunkte nur alte Öltonnen oder hohe Stangen, einst aufgestellt in weiten Abständen und nicht selten vom stetigen Sand-Wind umgeworfen oder zugeweht.
In der goldenen Stunde des Sonnenunter- oder Aufgangs konnte man mit dem Fernglas leichte Veränderungen im eintönigen Landschaftsbild besser ausmachen, die eingeschlagene Richtung korrigiert oder bestätigt werden.

 

Ausschau halten nach Orientierungsmarken in der Sahara

Ausschau halten nach Orientierungsmarken in der Sahara

Zeugen des Scheiterns

Eine inoffizielle Statistik sagt, nur 2 von 3 Fahrzeugen schafften die anspruchsvollen und langen Fahrten durch die Sahara und kamen an ihr Ziel.
Wenn nur das Fahrzeug aufgegeben werden mußte war dies zwar schlimm aber bedrückend sind auch die vielen katastrophalen Schicksale verirrter und verdursteter Menschen.
Jedes Autowrack am Rand der Piste könnte eine Geschichte erzählen, spannend und oft traurig wäre es sie zu kennen.

 

Was hätte uns dieser gestrandete Wagen zu erzählen?

Was hätte uns dieser gestrandete Wagen zu erzählen?

Verheißungsvolle Landmarken

Der Wendekreis des Krebses. Wenn Du den erreicht hast, bist Du ganz tief drin. In der Sahara, der größten Wüste unseres Planeten.
Magische Namen, an denen man sich entlang hangelt als Entdecker seiner Welt.

 

Der Wendekreis des Krebses, ein berühmter Breitengrad der Nordhalbkugel

Der Wendekreis des Krebses, ein berühmter Breitengrad der Nordhalbkugel

Magische Namen die jeder Saharafahrer kennt

Das Plateau Fadnoun in Algerien, früher durchschnitten von einer der berüchtigsten Pisten in Algerien. Scharfkantige Steine, gnadenloses Wellblech und kilometerweit nur vom Wüstenlack überzogenes düsteres Schwarz der Geröllwüste. Reifenmordender Abschnitt, eintönig und nur unterbrochen von ein paar Schluchten längst ausgetrockneter Flüsse. Kaum vorzustellen, welche Kraft diese Landschaften geformt hat und immer noch formt.
Angeblich sind in der Sahara nach lokalen Starkregenfällen schon mehr Menschen ertrunken als verdurstet.

 

Das legendäre Plateau Fadnoun, ein Schreckgespenst der Härte und Eintönigkeit in der algerischen Sahara

Das legendäre Plateau Fadnoun, ein Schreckgespenst der Härte und Eintönigkeit in der algerischen Sahara

Stürme aussitzen

Sandstürme sind die Geißel der Sahara. Oft unterbrechen sie die Routine einer Karawane, sei es nun von Mensch, Fahrzeugen oder Tieren.
Kamele, die genügsamen Überlebenskünstler der Sandmeere passen sich hervorragend an die Gegebenheiten ihrer Umgebung an. In einem heftigen Sandsturm drehen sie sich alle aus der Windrichtung um ihre Atemwege vor eindringendem Sand zu schützen.
So sitzt man auch am besten einen der berüchtigsten Stürme in einem Fahrzeug aus.

 

Kamele im Sandsturm im Niger

Kamele im Sandsturm im Niger

Wüstenrally Paris-Dakar

 Eines der härtesten Autorennen, die originale Rally Paris-Dakar führte früher quer durch die Sahara. Da sie immer kurz nach Weihnachten startete hatten wir einige Male Gelegenheit auf ihrem Fuß zu folgen.
Nicht selten trafen wir versprengte Grüppchen von Fahrerteams entweder auf Strecke oder an der Grenze, wo sie wegen Pannen oder lästiger Bürokratie unfreiwillige Stops einlegen mussten.
Für die Distanzen, die sie nur in wenigen Stunden bewältigten brauchten wir oft Tage oder Wochen.

 

Schnelle Pannenhilfe bei der Rallye Paris-Dakar

Schnelle Pannenhilfe bei der Rallye Paris-Dakar

Nun möchte ich abschließen

 

und in meinem nächsten Beitrag dann die Konsequenzen aus diesen im eigentlichen Sinne nur vorbereitenden Fahrten zu einer ganz anders gearteten Reise darlegen. Der Wunsch nach mehr Zeit, nach noch mehr und längeren Abenteuern keimte besonders in mir auf und verlangte unbewußt nach Erfüllung. Es gab noch ein paar kleinere Vorstufen, aber davon mehr in meinem folgenden Beitrag.

Sei gespannt auf die Fortsetzung von Lilli’s Reiseentwicklungen und wenn Dir dieser Artikel gefallen hat, dann freue ich mich über Deinen Kommentar und vielleicht hast Du ja auch noch Fragen dazu, die ich Dir beantworten kann.

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