… vom Zigeunerblut bis zu den Palmengärten in Marokko

 

Zigeuner, alles Zigeuner waren im übertragenen Sinn die Verwandten meines Vaters für meine bodenständige Mutter. 

Mein rumänischer Vater, eingezogen im 2. Weltkrieg und nach seinem Studium sofort verschafft nach Deutschland, lernte sie dort kennen und lieben. Er, Akademiker, gebürtiger Siebenbürger Sachse mit ungarischer Mutter, 3 sprachig aufgewachsen und sie, ein bayrisches Mädel, nie aus ihrem Bergtal herausgekommen, Schulbildung und Jugend zerbombt und in Luftschutzkellern verbracht. Zu nahe wohnte man am Führer Hauptquartier in den Berchtesgadener Alpen.

Zurück aus russischer Gefangenschaft, beschloß mein Vater in Deutschland zu bleiben. Der Eiserne Vorhang des Kalten Krieges schloß sich vor ihm und verhinderte lange Zeit eine Rückkehr zu seiner Familie. Ich wurde 1957 geboren, nach langen Versuchen endlich ein Wunschkind, behütet von der Mutter und gleichzeitig freigeistig auf die Welt vorbereitet von meinem Vater.

Meine Kindheit - 1957 mit Mama in Bad Reichenhall - stolze 4 Jahre 1961 - 1967 mit Papa in Rumänien

Meine Kindheit

 

 

Das Nomaden- oder Zigeunerblut

meiner slawischen Vorfahren muß ich irgendwie mit in die Wiege gelegt bekommen haben. Als mein Vater endlich wieder seine Verwandten in Rumänien besuchen durfte war ich an seiner Seite. Ich erinnere mich noch an unsere allerersten Reisen, den alten Ford gepackt bis unters Dach mit Geschenken für die „arme“ Verwandtschaft und die leicht und schnell zu entdeckenden Spezialgeschenke in Form von Zigaretten und bunten Illustrierten für die ungarischen und rumänischen Zöllner.

Ja, früh habe ich gelernt, wie Bestechung auf eine pfiffige Art funktioniert. Den uralten Spruch „Und was hast du für mich mitgebracht“, unzählige Male wieder gehört auf meinen Reisen in Afrika, gab es schon damals.

Heraus aus den Bergen war schon das Burgenland, der riesige Neusiedler See, an dessen Ufern wir immer übernachteten, Neuland hinter dem Horizont für mich. Was für ein Unterschied, Baden im flachen warmen Wasser anstatt in einem eiskalten Bergsee meiner alpinen Heimat, während mein Vater im nahen altrömischen Carnuntum seiner Passion der römischen Geschichte und Besiedelung frönte und mit den ansäßigen Bauern in den Feldern auf Entdeckungstour nach Artefakten ging.

Dann kam die ungarische Grenze, damals noch mit langen Verhandlungen in den verschiedensten Grenzhäuschen, die sich endlos ziehen konnten, wären da nicht die speziellen Belohnungen gewesen. 

 

Der nächste Höhepunkt

war ein opulentes Mahl in einem der großen berühmten Hotels in Budapest, wo in riesigen goldgeschmückten Speisesälen Geigenspieler aus Live-Ensembles an den Tischen der Gäste aufspielten, man aber keine Pommes für ein kleines deutsches Mädchen kannte.

Hinter Budapest dann die endlose Puszta, die weiten Grasland Ebenen des ungarischen Tieflandes, wo die Horizonte in nahezu unerreichbare Fernen rückten. Zum ersten Mal sah ich dort die mir später so vertraut werdenden Fata Morganas, Spiegelungen im gleißenden Licht der heißen trockenen Sommer.

Mein Vater hatte natürlich auch dort versprengte Freunde bei denen wir wiederum eine Nacht verbrachten. 

 

Kam ich hier zum Ursprung meines Fernwehs?

Im Zusammentreffen mit dem sogenannten „fahrenden Volk“, den richtigen Zigeunern, der Begriff Roma war mir als Kind nicht geläufig. Alles Leben fand in Ihren damals oft noch Planwagen oder alten LKWs statt. Man zog von Ort zu Ort und ließ sich nieder wo es was zu verdienen gab. 

Magisch war ich davon angezogen. Das war für mich der Inbegriff der Freiheit. War das der Funke, der meinen Freiheitsdrang zum Aufleben brachte, was mich später zur Vollzeitnomadin werden ließ und dem Vanlife verschworen? Eine kleine Flamme, geboren in den Nächten am züngelnden Lagerfeuer inmitten ihrer Wägen, begleitet von melancholischer Musik, fröhlichem Lachen und wirbelnden Tänzen. JA, hier fand meine erste Initiation zur Weltentdeckerin statt, eine unstillbare Sehnsucht, die Welt hinter dem Horizont zu erfahren, die sich immer noch schwer, wenn überhaupt, kurieren lässt.

Aber auch an praktische und organisatorische Dinge wurde ich auf diesen Reisen schon früh herangeführt, etwa wenn mein feingeistiger Vater von einer Reifenpanne überrascht wurde und ich als kleines Mädchen seine Hilflosigkeit und Verzweiflung wegen eines für ihn überwältigenden Problems spüren, mitleiden und manchmal umwandeln konnte.

 

Auf diesen Reisen entstanden meine Prägungen

für die nächsten Jahre und so war es nur allzu verständlich als ich mit 19 in einer Diskothek von einem netten Flirt gefragt wurde, ob ich nicht mit ihm am nächsten Wochenende nach Venedig ans Mittelmeer fahren wollte.

BINGO

Nicht nur zum Neusiedler See oder dem Balaton, nein, ans richtige Meer, salzige Versuchung meiner Fernreisewünsche.

Dort in den Dünen der Sandzunge, die die Lagune von Venedig vom Mittelmeer trennt, war ich erneut angekommen, ähnlich wie am Feuer der Zigeuner lag ich hier stundenlang verträumt und verloren in dem Gefühl zu Hause zu sein.

Klar kam das Verliebtsein dazu, was nur dazu führte, dass wir gleich unsere nächsten gemeinsamen Reisen planten. Im hellblauen legendären VW-Käfer mit offenem Schiebedach, das erste Auto meines kommenden Langzeitpartners, klassisch für den Jungen von seinem Opa gesponsert, eroberte ich mit Zelt auf Campingplätzen die spanische Costa Brava. War insofern logisch, denn mein Partner in Crime hatte mit seinen Eltern seine Jugendjahre immer an Spaniens Küsten verbracht und wollte mir dies nun zeigen.

Der Käfer machte auf der langen Rückreise durch Frankreich mit einem Kolbenfresser leider schlapp und ich lernte die Freuden und Leiden des Interrails auf endlosen Zugfahren und Umsteigebahnhöfen kennen. Auch hier erfuhr ich eine frühe Prägung: Nie wieder Interrail!

Neues Auto musste her und es wurde ein glänzend oranger Opel Ascona, die Farbe fand ich gut, das Auto hat mich nicht vom Hocker gerissen. Wie dem auch sei, der gute Opel mit Spoiler vorne und hinten brachte uns vorsichtig aber trotzdem durch Zentralspanien und die Sierra Nevada bis nach Gibraltar und Tarifa, dem Fenster zu Afrika.

Michelin Karte Südspanien Nordmarokko

Von Tarifa in Südspanien war der afrikanische Kontinent nur noch einen Katzensprung entfernt.

 

 

Tja, was soll ich sagen, wir schreiben 1978

und hier nahm das Leben seinen Verlauf und wir buchten einen organisierten Busausflug nach Tanger in Marokko. Und wieder 3 einschneidende Erkenntnisse:

  • Morgens aufwachen in einem Hotel in lauer Luft mit zarten wehenden Schleiern von Vorhängen zum Ruf des Muezzin – angekommen zu Hause!
  • Getrieben von einem festgelegten Programm einer Pauschalreise durch die Gassen und Märkte einer nordafrikanischen Stadt – nie wieder!
  • Mitzubekommen wie die Autos in Marokko behandelt und gefahren werden – Fazit: Der Ascona ist denkbar ungeeignet für die Neugier arabischer Finger!
Mit dem Taxi durch Tetuan in Marokko

Mit dem Taxi durch Tetuan in Marokko – stellt Euch nur den Ascona daneben vor 😇

 

Wir wollen wiederkommen, Marokko auf unsere Art entdecken, träumen vom Hohen Atlas, alten Felsenburgen, Ksars genannt, grünen Palmenhainen entlang der Flusstäler und schlussendlich die Wüste, Ausläufer der Sahara mit ihren Dünenmeeren aus Sand.

 

Stadt auf dem Berg in Marokko

Eine Stadt auf dem Berg in Marokko

 

Ein befestigtes Dorf, genannt Ksar in Marokko

Ein befestigtes Dorf, genannt Ksar in Marokko

 

Palmenhain am Fuße eines Ksar in Marokko

Palmenhain am Fuße eines Ksar – Die Fruchtbarkeit des Flusstales ist zu wertvoll für Siedlungsfläche, deshalb drängen sich die angrenzenden Dörfer in die Berge.

 

Die Ausläufer der Sahara bilden das Dünenmeer des Erg Chebbi in Marokko

Die Ausläufer der Sahara bilden das Dünenmeer des Erg Chebbi in Marokko

 

 

Welches ist nun das geeignete Auto dafür?

Ende der Siebziger gab es 2 Richtungen für angehende Globetrotter oder besser Globedriver, trotten wollte ich nie 😂.

  • Entweder Richtung Osten und Indien, da gab es schon viele Vorreiter, die mit VW Bus diese Richtung, damals noch über Afghanistan und den Khyberpass nach Pakistan und Indien in eine mystische und unbekannte Welt fuhren.
  • Oder die Abenteurer Fraktion, die sich mit alten Geländewagen in die Sahara wagten, um sich dort in der sandverstürmten Wüste, frei nach Karl May und Kara Ben Nemsi, der Allmacht der Natur zu stellen.

Letzteres zog uns mehr an. Mit drogenvernebelten Geist die Erleuchtung in einem Ashram zu finden, fanden wir jetzt nicht so spannend, wie auf den Spuren legendärer Abenteurer die Weiten der Sahara zu erforschen.

Also fiel unsere Wahl auf einen Landrover, dem Guru der Geländewagen. Vor einem gebrauchten hatten wir Respekt, beide hatten wir keine Ahnung von Autotechnik und die Drohung, man müsste gleich mit dem Erwerb eines Landrovers auch das zugehörige Werkstatthandbuch kaufen und auswendig lernen, fanden wir doch etwas abschreckend.

 

So kam unser Landrover, liebevoll Landy genannt, zu uns

Neu war er, ein Grauimport aus Schweden mit Scheibenwaschanlage – sicher nützlich in den trockenen Wüsten der Sahara 😉- und einem unverschämt matten schmutzig blauen Lack. Was für ein Gegensatz zu dem glänzenden hochpolierten orangen Ascona, der, in Zahlung genommen sich als dieser Haufen grob zusammengeschraubtem Aluminiums entpuppte.

Erste Ernüchterungen folgten auf dem Fuß als es bei regenreicher Rückfahrt aus dem hohen Norden gnadenlos Wassereinbrüche in den Innenraum gab und wir bei näheren Recherchen unter Landrover Freaks herausfanden, daß der Ölfleck auf der Strasse unter unserem Landy nur Gutes bedeutete, nämlich, daß überhaupt Öl vorhanden war, nach dem Motto: „Du musst dir erst Sorgen machen, wenn ein Landrover nicht mehr ölt, dann ist keins mehr drin!“ 

Seitdem wurde zum Entsetzen unserer Nachbarn der Karton unter dem Motorraum Standard auf unserem Parkplatz und die lästigen Undichtigkeiten hervorgerufen durch die legendären englischen Spaltmaße konnten schon beim ersten Werkstattbesuch bei einem Landrover Clubkollegen mit einem kräftigen gekonnten Knick der Türen übers Knie behoben werden.

So weit so gut. Ein paar Verbesserungen noch, wie ein stabiler Dachträger, ein paar formschön eckige Aluminiumkisten und eine Fenstervergitterung zum Schlafen im Innenraum bei luftig geöffneten Schiebefenstern rundeten das Bild unseres neuen Reisegefährten ab. 

Nicht zu vergessen die Reisewaschmaschine in Form eines geschlossenen Eimers auf dem Dach, gefüllt mit dreckiger Wäsche und Seifenwasser, die auf holperiger Piste die staubige Abenteurer Wäsche wieder blütenrein zaubern sollte.

Hat nicht so gut geklappt, das sei schon im Vorfeld verraten🙃

Mit dem Landrover in der Todraschlucht in Marokko

Mit dem Landrover in der Todraschlucht in Marokko

 

Waschtag am Fluß in Marokko

Waschtag am Fluß in Marokko

 

1979 dann die Jungfernfahrt

Durchgeplant bis auf den Kilometer war unsere erste Reise durch Marokko

Durchgeplant bis auf den Kilometer war unsere erste Reise durch Marokko

6 Wochen Marokko, 1 Woche Anreise und 1 Woche Rückreise durch Spanien und Frankreich ließen uns 4 Wochen Entdeckungen in Marokko. Minutiös durchgeplant waren unsere Tageskilometer, Übernachtungsplätze und Aufenthalte in den legendären Städten Marokkos wie Tanger, Fes und Marrakesh.

Fazit aus dieser doch etwas stressigen Reise, weil man ja in relativ kurzer Zeit viel zu viel sehen wollte, was ganz natürlich ist, war:

Die nordafrikanischen Kulturen, Menschen und Landschaften sind total faszinierend, aber wir müssen uns in Zukunft mehr Zeit geben und lernen uns treiben zu lassen von unvorhersehbaren Erlebnissen auf der Fahrt. Flexibler zu werden in der Planung unserer Übernachtungsorte und in der Reaktion auf die Menschen und ihre Geschichten, denen wir unterwegs begegnen.

 

 

 

Nur so können wir eintauchen in die wahre Welt der Wüstennomaden und ihr Leben in den Palmengärten der Sahara.

 

Palmental mit Gärten und Feldern vor der Kulisse hoher Berge in Marokko

Palmental mit Gärten und Feldern vor der Kulisse hoher Berge in Marokko

 

Wenn Du jetzt bis hierher durchgehalten hast mit Lesen, freue ich mich. Es folgen noch einige Bilder dieser ersten Reise mit Bildunterschriften zur näheren Erklärung. Diese Bilder sind alles Scans über 40 Jahre alter Dias, damals war das Fotografieren noch ganz anders. Trotz der schlechten Qualität mochte ich sie Dir nicht vorenthalten, zeigen doch auch sie eine Entwicklung.

 

Djemna El Fna, das quirlige Zentrum im Souk von Marrakesh in Marokko

Djemna El Fna, das quirlige Zentrum im Souk von Marrakesh in Marokko

 

Lebendige Märkte im Souk von Marrakesh in Marokko

Lebendige Märkte im Souk von Marrakesh in Marokko

 

Ein Metzger auf dem Markt in Marokko

Ein Metzger auf dem Markt in Marokko

 

Der Landy in der Dadesschlucht in Marokko

Der Landy in der Dadesschlucht in Marokko

 

Wildes Camp am Rande eines Palmenhains in Marokko

Wildes Camp am Rande eines Palmenhains in Marokko

Noch ein paar Brotkrumen für die Unersättlichen

Unser südlichster Punkt in Marokko

Das kleine Städtchen Goulimine war damals der südlichste Punkt, den man in Marokko erreichen konnte. Alles was danach kam war militärisches Sperrgebiet als Abgrenzung zur Konfliktregion Spanisch Westsahara. Eine no-go Area für Touristen.

Goulimine, der Grenzort zur Krisenregion Spanisch Westsahara in Marokko

Goulimine, der Grenzort zur Krisenregion Spanisch Westsahara in Marokko

Und welche Taxis fanden wir in Marokkos Bergen?

Natürlich Landrover.
Die können nun wirklich mit einem 5 kg Hammer und ein bisschen Draht von jedem Buschmechaniker wieder zum Laufen gebracht werden.
Eine Pistenlegende!

Landrover Taxi in Marokko

Unverwüstliche Landrover als Taxi auf Marokkos Pisten

Ungewöhnliche Früchte

Da staunten wir über einen Baum voller Ziegen. Na wenn es auf dem Boden nix mehr zu fressen gibt, muß man eben hoch hinaus.

Ziegen auf dem Baum in Marokko

Wär hätte das gedacht? Ziegen verhalten sich wie Affen.

Der König der Strasse

Für die Freunde der schönen alten LKWs, ein Volvo Truck im Abendlicht.

Volvo LKW Marokko

The King of the Road

Shit happens

Auf der Überfahrt bei rauer See federte unsere Anhängerkupplung durch die Auf- und Ab-Bewegungen der Fähre permanent auf die Haube des hinter uns stehenden PKWs. Die war hinterher ziemlich beschädigt. Der Besitzer quittierte das nur mit einem Achselzucken.
TIA – this is Afrika

Mittelmeer Fähre Marokko

Fähre übers Mittelmeer nach Marokko

Ja, das war sie, meine Kindheit und erste Reiseerfahrungen

Hast Du einmal über Deine frühesten Prägungen nachgedacht und welche Einflüsse sie später auf Dein Leben hatten? Schreib mir Deine Erkenntnisse und Sichtweisen gerne in die Kommentare.

Und wenn sie Dich eher zurückgehalten haben, ein Leben in Freiheit zu führen, dann lass Dir sagen: Nichts ist in Stein gemeißelt! Du hast jeden Tag die Möglichkeit das Steuer in die richtige Richtung zu lenken.

Komm mit, die Welt wartet auf uns!

Und wenn Du schon gespannt bist auf die Fortsetzung meiner Lebensreise, dann geht es hier weiter …

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